Über unsere Gründermutter

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100612

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Über unsere Gründermutter




Hallo,
ich bin die Ili, Jahrgang 1984, weiblich und schwul - klingt komisch, ist aber so!

Für alle, die jetzt verwirrt sind: Keine Sorge, ich habe auch knapp neun Jahre gebraucht, bis ich es - nein, nicht verstehen - einfach als gegeben hinnehmen konnte.

Dass ich "irgendwie anders" war, das war mir ziemlich schnell klar. Zumindest, dass ich insoweit anders war, dass alles "Schwule" eine ungeheuere Faszination auf mich ausübte. Die einzige Sex-Frage, die meiner Mutter gestellt zu haben ich mich erinnern kann, war: "Mama, wie machen das eigentlich Schwule?" Ich scheine schon damals über dieses Thema nachgedacht zu haben (oder es kam in der Schule einfach zu kurz).
Als ich das zum ersten Mal bewusst bemerkte, war ich etwa 15 Jahre alt. Anfangs war es mir ziemlich peinlich. Ich laß heimlich die Beschreibungen der "schwulen Filme" in unserer Fernsehzeitschrift, traute mich aber nicht, sie anzusehen, weil ich dachte, das sei doch irgendwie abartig, sich einen Film nur anzusehen, weil es um Schwule ging.
Es dauerte aber nicht lange und ich tat es doch. Nun laß ich nicht mehr heimlich die Inhaltsangaben, sondern schaute heimlich die dazugehörigen Filme. Aber selbst dabei kam ich mir noch immer komisch vor und konnte nicht verorten, warum mich das alles so interessierte.
Mein erstes "Coming Out", das als m/m-Fan, habe ich zwei guten Freundinnen zu verdanken, die ich im Internet kennen gelernt habe. Wir bildeten ein richtiges Dreiergespann auf einem Forum - und wie sich herausstellte, mochten auch sie m/m-Bücher und m/m-Filme (m/m = male/male). Wir tauschten uns darüber aus und ich merkte, dass es anscheinend gar nicht so "abartig" oder "seltsam" ist, so etwas aus einzig und allein dem Grund zu konsumieren, weil es dabei um Schwule ging. Ohne diese beiden Mädels wäre ich sicher nicht so schnell weiter voran gekommen - sie gaben den Ausschlag, dass ich diesen meinen kleinen "Fetisch" akzeptieren und annehmen konnte. Im Laufe der Zeit konnte ich das immer besser und letztendlich machte ich daraus auch keinen Hehl mehr. Jeder in meinem Bekanntenkreis wusste, dass in den Büchern, die ich laß und in den Filmen, die ich sah, mindestens zwei Männer vorkamen. Und es wusste auch jeder, dass mich das Thema nicht nur vom erotischen Standpunkt aus interessierte, sondern auch soziologisch, historisch etc. In meiner Gegenwart homophobe Bemerkungen loszulassen war keine besonders gute Idee - und auch das war ziemlich schnell bekannt. Fast alles, was mich interessierte war schwul konnotiert. Und was schwul konnotiert war, faszinierte mich. Viele meiner Freunde haben mich gefragt, warum ich mich so sehr für dieses Thema interessierte, aber ich konnte es nicht beantworten, ich wusste es selbst nicht genau. Ich konnte höchstens mal sagen, ich fände "Schwule halt geil" oder "es ist eben interessant"; beides stimmte, aber das war nicht alles. Irgendwie war da MEHR! Auch wenn ich dieses MEHR nicht definieren konnte.

Es ist nicht so, dass ich mir keine Gedanken darüber gemacht hätte, wer ich bin und wie es zu meinem "Faible für Schwule und Schwules" gekommen sein könnte. Meine Tagebücher stehen voll mit solchen Einträgen und ich hatte einen regelrechten Prozess der Selbstdefinition:

- du stehst einfach eher auf feminine Männer (dumm nur, dass nicht alle Schwulen feminin sind)
- du bist einfach eine FagHag (ja, das wäre ich natürlich gerne... aber ein schwuler bester Freund ist halt doch nicht der Inhalt all meiner Träume. Zudem BIN ich einfach keine FagHag, denn einen schwulen Freundeskreis habe ich - leider - noch immer nicht)
- vielleicht möchtest du lieber ein Mann sein? (was ich mit ziemlicher Sicherheit ausschließen kann, zumindest nach jetzigem Stand der Dinge Wink Ich bin gerne Frau, wollte NIE ein Junge sein und mein Selbstbild ist weiblich - obwohl ich nicht abstreiten möchte, dass in mir durchaus irgendwie ein "schwuler Mann" - oder besser: eine schwule Person -steckt.)
- vielleicht bist du lesbisch? (Ja, ich habe tatsächlich einmal geglaubt, ich würde irgendwann feststellen, dass ich auf Frauen stehe (und viele andere sind wahrscheinlich heute noch überzeugt davon, dass ich lesbisch bin). "Homosexuell fühlen" kann man als Frau - davon war ich überzeugt - nun mal nur in eine Richtung. Allerdings interessieren mich Frauen sexuell überhaupt nicht.)
- ach, wahrscheinlich ist das einfach nur eine sexuelle Vorliebe! Männer mögen doch auch Lesbenfilme. (Ja, aber Männer mögen weniger echte Lesben, als heterosexuelle Frauen, die etwas mit Frauen haben. Es geht ihnen weniger um die romantische Beziehung zwischen den Frauen. Dabei finde ICH ja auch und gerade die Vorstellung einer romantischen Verbindung zwischen zwei Männern anziehend!)

All das waren Fragen, die ich mir selbst stellte und die ich wieder verwarf. Natürlich - falsch war das alles nicht (abgesehen vom lesbisch-Sein)! Aber: Eben nicht alles! Da war immer noch dieses MEHR!

Ein weiterer wichtiger Schritt in meiner Entwicklung war, ein Jahr ins Ausland zu gehen und damit in ein völlig neues soziales Umfeld, in dem ich sozusagen von Null anfangen konnte, da mich dort ja niemand kannte und niemand mit Erwartungen oder alten Vorstellungen an mich herantrat. Hatte ich in meinem Freundeskreis eh nie einen Hehl aus meinem "Faible" gemacht, so machte ich nun niemanden gegenüber mehr einen Hehl daraus. JEDER wusste es und es störte mich nicht. Dort führte ich auch ein paar Gespräche darüber, woher mein "Faible" kommen könnte, und dort begann ich, mich als "irgendwie schwul" zu bezeichnen, als noch eher vergleichend gebraucht, im Sinne von: Wäre ich ein Mann, wäre ich schwul! Eine gendertheories gegenüber aufgeschlossene Freundin, die ich dort kennen gelernt habe, war dann wohl die erste, die mich - wenn auch noch halbscherzhaft - als "schwul" bezeichnete und den schönen Satz sagte: "Ach, auf den CSD passt Du schon - queer bist Du ja auf jeden Fall!"

Erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland im August 2007 machte es plötzlich "klick": "Natürlich! Du bist schwul! So einfach ist das!" Und plötzlich war alles logisch und ergab Sinn. Nein, nicht nach den landläufigen Definitionen, sondern nach meiner Selbstsicht, nach meinen Gefühlen und Ansichten. Und das zum ersten Mal nach fast neun Jahren! Schließlich dachte ich mir: Völlig egal, was andere davon halten. Wenn sie der Ansicht sind, es gäbe keine schwulen Frauen - du bist der lebende Beweis dafür, dass es sie gibt.
Aber gab es noch mehr? Noch mehr Frauen, die schwul fühlten, ohne, dass sie sich selbst als Mann definierten? Schon vorher hatte ich mir immer wieder die Finger wundgegooglet nach "schwule Mädchen". Das einzige, worauf ich stieß war immer wieder und immer wieder aufs Neue der Song von Fettes Brot, der mir allerdings auch nicht wirklich weiterhalf. Mehr von meiner Sorte schien es nicht zu geben! Was Google nicht findet, existiert auch nicht! Und schwule Mädchen fand es nicht!
Die große Erlösung kam schließlich im März 2008, als ich einfach mal "schwule Frauen" in die Suchmaschine eintippte und auf das hier stieß:

http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf

Ein Artikel von Uli Meyer über GirlFags und Trans*Fags, also schwule Frauen und schwule Transgender. Ich war total aufgewühlt, als ich ihn gelesen hatte. Es war also wirklich möglich - es gab sogar noch mehr von meiner Sorte! Und in den USA hatten sie sich schon in yahoo- und Livejournal-Gruppen zusammengeschlossen! Allerdings waren diese Gruppen nur zu finden, wenn man nach "GirlFags" suchte, ein Begriff, von dem ich bis März 2008 noch nichts gehört hatte. Wieso konnte man nichts finden, wenn man "schwule Mädchen" eingab oder (zumindest bis letztes Jahr) "schwule Frauen"? Ich überlegte, ob vielleicht noch mehr "da draußen" herumsurften und Google befragten, ob sie existierten, so wie sie es sich vorstellten. Deshalb diese Seite - in der Hoffnung, die ein oder andere möge sich hierher verirren und - etwas früher als ich - erkennen (um es mit den Worten von Uli Meyer zu sagen), "dass es sie, so wie sie eben sind, gibt und geben darf."
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Liam

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